Tun, Was man wirklich wirklich will

Der BSA OÖ rief 2011 eine neue Veranstaltungsreihe ins Leben: mitmenschendenken. Den Anfang machte Prof. Frithjof Bergmann, ein international bekannter Philosoph mit österreichischen Wurzeln, der an amerikanischen Universitäten lehrt und auf Besuch in Österreich ist. Sein Ansatz zur Neuen Arbeit ist für viele extrem, für andere undenkbar, auf jeden Fall aber aufregend. Es ist nicht immer leicht, sich eine gänzlich andere Welt vorzustellen. Aber oft bringen gerade solche auf den ersten Blick utopischen Ansätze Bewegung in Debatten und lassen das bislang Denkunmögliche realistischer erscheinen. Prof. Bergmann wagt so ein Gedankenexperiment im Bereich Arbeit und spricht damit gleich alle Lebensbereiche an. Er schlägt nicht weniger vor, als ein zusätzliches Arbeitssystem zu unserer gewohnten Arbeitswelt zu etablieren. Bergmann will Arbeit neu aufteilen: 10 Stunden pro Woche soll man sich der Grundwirtschaft mittels neuer Technologien widmen, Gemüse anbauen, Produkte selbst herstellen. Weitere 10 Stunden pro Woche soll man Geld verdienen gehen, also der klassischen Lohnarbeit nachgehen. Das lässt mindestens 20 Stunden pro Woche für das, was man wirklich, wirklich will.

Prof. Bergmann begründet das so: „Für die meisten ist Arbeit eine milde Krankheit – das muss nicht sein“. Arbeit sei in der verbreiteten Form für viele zwar nicht völlig unerträglich, aber keine erfüllende Tätigkeit. Mit seiner Theorie der Neuen Arbeit will er den Menschen befriedigendere Arbeit ermöglichen, die Lebenskosten durch eigene Grundwirtschaft reduzieren und gleichzeitig ökologisch wirtschaften. Für ihn sind Neue Arbeit und ernstgemeinte Ökologie untrennbar miteinander verbunden. Bergmann schlägt unter anderem vor, gesellschaftlich organisierte „Grundwirtschaftszentren“ zu errichten, in denen die Menschen solchen Tätigkeiten nachgehen können. Aus der Kreativität können auch neue Betriebe entstehen und damit neue Arbeit.

Immer wenn Frithjof Bergmann seine Theorie vorstellt, kommt es zur berechtigten Frage der Umsetzung. Kann eine Umsetzung des New-Work Konzepts über die Initiierung einzelner vielversprechender Projekte hinausgehen? Und wie verhält es sich mit jenen notwendigen Tätigkeiten, die getan werden müssen, auch wenn es niemand„wirklich, wirklich“ tun will? Was ist die Rolle des (Sozial)Staates? „Für mich geht es darum, eine Utopie in die Welt zu setzen. Ich will nur den Samen streuen, und an vielen verschiedenen Stellen soll der Samen aufgehen“, lautet hier meist die Antwort Bergmanns. Frithjof Bergmann geht es vor allem darum, einen Diskurs über eine Alternative zur gegenwärtigen Form des Wirtschaftens und Arbeitens loszutreten. Mit seinem New-Work Modell hat er nicht zuletzt die Utopie einer neuen Gesellschaft geschaffen, in der Mensch über sich selbst bestimmen kann – indem er das tut, was er wirklich, wirklich will.

 

#1: Frithjof Bergmann

Ein Wegbegleiter Bergmanns formulierte einmal folgenden Satz „Frithjof hat stets den Kopf in den Wolken, er steht jedoch mit beiden Beinen auf dem Boden“. Tatsächlich wurde mit der Initiierung unterschiedlicher New-Work Projekte bereits begonnen. So gibt es mittlerweile zahlreiche so genannte New-Work Zentren, welche neue Projekte vorantreiben. Das erste New-Work Zentrum entstand 1984 in der Automobilstadt Flint (Michigan). Bergmann kooperierte mit ehemaligen MitarbeiterInnen eines Automobilwerks, welches aufgrund der Automatisierung 50 % der Belegschaft kündigte. In seinen Projekten versuchte er den ArbeiterInnen zu helfen, etwas zu machen, was sie „wirklich, wirklich wollen.“

Bergmann und seine UnterstützerInnen der Neuen-Arbeit Bewegung haben viel Zeit an der Adaptierung der Theorie einer technologisierten Selbstversorgung in die Praxis gearbeitet. Die Devise Frithjof Bergmanns lautet hier „Mach deinen eigenen Zement, bau deine eigenen Häuser, erzeuge deinen eigenen Strom, Lebensmittel, Werkzeuge…“. Dank des technologischen Fortschritts, wie z.B. der Technologie des Fabrikators, ist dies möglich. Das Modell der individuellen, mobilen Fabrik zur Selbstversorgung findet gerade in weniger entwickelten Ländern großen Anklang. So wurde etwa die Entwicklung von Dieselmotoren, Generatoren und Kühlschränken vorangetrieben, welche mit einfachsten Mitteln hergestellt werden können und dennoch hochwertig sind. Auch der eigene Garten ist nicht mehr nur Zukunftsmusik. Es handelt sich hier um so genannte „Bio Blocks“, welche Gartenanbau auf engstem Raum und mit geringstem Wassereinsatz ermöglichen (Mehr Infos auch unter: http://www.neuearbeit-neuekultur.de/ und http://de.wikipedia.org/wiki/Frithjof_Bergmann).