Die Sozialdemokratie muss ihre Chancen Nutzen

Gerhard Zeiler, Chef der RTL-Group und ehemaliger ORF-Generalintendant war Gast beim 2. Teil der neuen Veranstaltungsreihe „mitmenschendenken“. Vor der abendlichen Kulisse des Linzer Donauparks sprach er mit BSA OÖ-Vorsitzendem Christian Forsterleitner über Trends in der Medienbranche, die Zukunft des Rundfunks und warum die Sozialdemokratie bald wieder eine bestimmende Kraft in Europa wird.

„Selbstverständlich schaue ich fern“, meint Zeiler lapidar auf die Frage, ob er als Chef von Europas größter TV- und Radiostation überhaupt noch bewusst vor dem Fernsehgerät Platz nimmt. Vor allem während Flügen nütze er die Zeit, sich Sendungen, die in Europa, aber auch in den USA ausgestrahlt werden, „on demand“ anzusehen. Als langjähriger Experte in dieser Branche konstatiert er, dass die TV-Kultur sehr viel mehr über ein jeweiliges Land aussagt, als viele glauben: „Wenn man in jedem Land 100 Stunden fernsieht, weiß man sehr viel die reale Kultur Bescheid.“ Begonnen hat die Karriere des Kosmopoliten mit seinem Einstieg in die Politik: 1979 als Pressesprecher von Fred Sinowatz, damals Unterrichtsminister, später Bundeskanzler. 1986 folgt dann der Wechsel in den ORF, 1994 dann die Wahl zum Generalintendanten. Ein „wichtiges Kulturunternehmen“ sei der ORF bis heute, immer noch fühle er sich dem Unternehmen sehr verbunden, wenngleich er als Generaldirektor auch einige Dinge anders machen würde.

Wo sind heute die Unterschiede zwischen öffentlich-rechtlichem Rundfunk und Privatsendern? Zeilers Credo: Für jede/n Gebührenzahler/in muss es mehrmals die Woche ein entsprechendes Angebot geben, dass sie wirklich schauen müssen. Dazu gehören sowohl Kultur- und Informationssendungen, die sich Private nicht leisten können, als auch Unterhaltung. (BBC One in Großbritannien schafft es mit diesem Mix zum erfolgreichsten öffentlich-rechtlichen Sender Europas.) Bei Privaten macht die Unterhaltung und Shows einen wichtigen Teil des TV-Programms aus, die manchmal auch provokativ sein müssen, wie beispielsweise das „Dschungel-Camp“ (Stichwort: „Ekel-Fernsehen“). Top-Quoten erzielen vor allem die Formate „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Das Supertalent“, aber auch Box-Kämpfe von Wladimir Klitschko (9 bis 11 Millionen ZuseherInnen). Zur Überraschung vieler erreichen auch Nachrichten-Sendungen täglich 4,5 Millionen SeherInnen. Der Erfolg der RTL-Group sei ein Mix aus Information und Unterhaltung, so Zeiler.

#2: Gerhard Zeiler

Sein Führungsstil sei offen und von möglichst wenig Hierarchie geprägt, so der RTL-Chef. Auch gibt es für alle MitarbeiterInnen Gewinnbeteiligungen (für jede Person die gleiche Summe). Das sei sozial gerecht, aber freilich nicht unbedingt ein typisch „sozialdemokratischer“ Führungsstil per se. Eine Firma sollte eine gerechte Unternehmenskultur haben, heißt: Menschen müssen sich wohlfühlen, dürfen nicht gemobbt werden. „Bei uns beurteilen auch alle Mitarbeiter ihre Chefs, nicht nur umgekehrt“, so Zeiler. Und negative Urteile müssten von den Verantwortlichen auch begründet werden. Hauptaufgabe eines Chefs sei es, Menschen zu zeigen, wohin es geht, dafür auch zu kämpfen und vor allem die Leute auch mitnehmen. Das gelte übrigens für jede Führungsperson. Am schlechtesten sei es, zu warten, wohin die Leute laufen, hinterherzulaufen und dann zu sagen: „Ich bin euer Chef!“. Zeiler habe noch keinen erfolgreichen Manager gesehen, der mit seinen Angestellten schreit und diese dadurch Höchstleistungen erbringen: „Das ist kein grundmenschliches Prinzip.“

Was ist für Zeiler Kern sozialdemokratischer Politik? Eine Sozialdemokratie, die nicht für Gerechtigkeit stehe, hat für ihn keine Chance. Neben der Grundbasis, für Schwächere da zu sein, zählt für ihn dazu auch „Leistungsgerechtigkeit“. „Dieses Wort würde ich mir nicht von der ÖVP wegnehmen lassen“, so Zeiler. Denn Leistungsträgerin sei für ihn auch die allein stehende Mutter, die bei der Supermarkt-Kassa sitzt und mit nicht einmal 1.000 Euro netto im Monat nach Hause geht: „Diese Menschen., die oft 40 Stunden oder mehr arbeiten und nicht einmal davon leben können, sollten für die SPÖ wichtig sein.“ Deswegen habe auch die Sozialdemokratie in Europa in den nächsten Jahren eine unglaubliche Chance, wieder eine bestimmende Kraft zu werden. „Als ich im Bertelsmann-Vorstand (Bertelsmann AG ist Mehrheitseigentümerin der RTL-Group, Anm. d. Red.) vor einem Jahr wetten wollte, dass der nächste deutsche Bundeskanzler ein Sozialdemokrat sein wird, wurde ich ausgelacht“, so Zeiler. Mittlerweile lache niemand mehr. Die Sozialdemokratie müsse ihre Chance nützen und den Menschen auch sagen, dass nicht mehr alles möglich sei. „Ich habe leider noch nie jemanden gehört, der sagt, warum wir auch sparen müssen“, wundert er sich. Dabei ist es so einfach: Unsere Eltern haben ein Ziel gehabt: nämlich dass es ihren Kindern besser geht. „Und wir haben auch ein Ziel: dass es unseren Kindern nicht schlechter geht“, so Zeiler abschließend.

 

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